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GUTES DESIGN IST FUNKTIONAL

Einem gut gestalteten Produkt sieht man den Prozess seiner Entwicklung nicht an. Wir legen am Beispiel der SONNENBRILLE P’8928 offen, was alles passieren muss, bevor eine Brille von Porsche Design in den Laden kommt. Und zwar rückwärts: Vom Kauf im Laden zurück bis zur allerersten Idee.
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Eine schwierige Aufgabe: die Neuauflage eines absoluten Klassikers

Auch das Packaging muss sitzen: Designer im Porsche Design Büro in Berlin.
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DER SHOP

Die Box ist schwer und groß, man muss sie mit beiden Händen halten. Hat man die Banderole aus dickem angerautem Papier, die sie umfasst, entfernt und die Verpackung aufgeklappt, erscheint ein sanft gebettetes Etui. Öffnet man nun wiederum dieses, liegt sie vor einem: die neue Sonnenbrille von Porsche Design, die P’8928. Sie vermittelt sofort zwei Eindrücke: solide Stabilität und dennoch Schwerelosigkeit. Und noch etwas ist augenscheinlich. Diese Brille ist äußerst variabel. Mit einem geübten Handgriff berührt die Verkäuferin einen bogenförmigen Hebel, der sich über dem Steg, also zwischen den Gläsern, befindet. Mit sanfter Kraft legt sie ihn nach oben um, dreht die Brille – und die Gläser, die zuvor vom Bügel und von vier kleinen Klammern, genannt »Hooks«, am Rahmen gehalten wurden, können herausgenommen werden. Die P’8928 ist eine sogenannte Wechselglasbrille, bei der sich die Gläser austauschen lassen. Dieses Prinzip erfand Professor F. A. Porsche im Jahr 1978. Die daraus resultierende P’8478 – das Urmodell der Wechselglasbrillen von Porsche Design – ist eine der ikonischsten Sonnenbrillen, die jemals entworfen wurden. Mit ihren Anleihen am klassischen Design der Pilotenbrillen, ihren organischen Rundungen und ihrer funktionalen Sportlichkeit prägte sie den Style der 1980er Jahre entscheidend. Die P’8478, die aufgrund ihrer edlen Anmutung ursprünglich als Exklusivbrille« vermarktet wurde, ist bis heute ein Top- Seller von Porsche Design. Die P’8928 ist ein zeitgenössisches Remake dieses Klassikers.
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Es zitiert und ehrt das Original – und setzt doch entschieden eigene Akzente: Die P’8928 ist eckiger und noch einmal maskuliner. Was man diesem in sich ruhenden, keine Frage offenlassenden Objekt nicht ansieht, ist der Prozess, der seiner Fertigstellung vorausging. Diesen zeichnen wir hier nach: Schritt für Schritt – und zwar rückwärts. Also vom fertigen Produkt – der Brille, die als Limited Edition zum 50-jährigen Jubiläum in Black (satin) und Titanium nature (satin) in einer speziellen Box mit Wechselgläsern in den Glastönungen Grey Polarized und Olive Silver Mirrored und geflochtenem Lederbrillenband ausgeliefert wird – über die Fertigung bis hin zur Gestaltung und zur ersten Idee. Es ist ein langer Weg, denn Perfektion kennt keine Abkürzungen.


DIE PRODUKTION

Bevor die fertige Brille im Lager in Harsewinkel konfektioniert wurde, also fertig gemacht wurde für die Auslieferung, hat sie schon eine weite Reise hinter sich. Gefertigt wurde sie in Japan. Da der Rahmen aus Titan ist, einem extrem leichten und widerstandsfähigen Metall, bedarf es in der Serienproduktion vieler Spezialmaschinen, einer ganz besonderen Expertise und höchster Qualitätsstandards.
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LETZTE SCHRITTE VOR DER HERSTELLUNG

Die Produktion aber setzt nur um, was vorher entworfen und gestaltet wurde. Der letzte, entscheidende Schritt vor der Fertigung ist die Kontrolle der sogenannten Tool Samples. Dabei handelt es sich um die Einzelteile der Brille, die bereits mit den Maschinen für die Serienproduktion hergestellt wurden. »Sollte sich an diesem Punkt herausstellen, dass etwas nicht so ist, wie wir es uns vorgestellt haben, könnte man das noch anhand der Tool Samples anpassen. Aber diese Korrektur würde sehr teuer werden, weil die Muster für die Maschinen bereits hergestellt sind«, sagt Ben Heirich. Er ist Head des Inhouse-Designs bei Rodenstock und arbeitet seit Jahren mit Porsche Design zusammen. »In der Regel ist die Kontrolle des Tool Samples aber eine reine Formsache. Generell arbeiten wir nur mit absoluten Profis zusammen. «Der Schritt zuvor, bevor die Produktion auf den Maschinen anspringt, ist ein sehr technischer: das sogenannte Engineering, also das Erstellen der Pläne für die Fertigung. »Technische Zeichnung ist ein Begriff, unter dem man sich leichter etwas vorstellen kann«, sagt Heirich, »obwohl natürlich in diesem Schritt des Prozesses schon lange nicht mehr von Hand gezeichnet, sondern mit 3-D-Programmen am Rechner entworfen wird.«
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DIE RICHTIGEN FARBEN FINDEN

Ebenfalls der Produktion vorausgehend ist das Color-Design. Das ist der letzte Schritt, an dem der Gestalter von Porsche Design ins Spiel kommt. In diesem Fall ist das Daniel Bründl, Senior Designer bei Studio F. A. Porsche. Bründl arbeitet seit 2006 bei Porsche Design, lange Jahre war er im Studio in Zell am See, heute leitet er das Berliner Büro. Er studierte an der renommierten Fakultät für Industriedesign der Technischen Universität Delft. Bründl, 43 Jahre alt, dezent gekleidet in dunklen Farben, begeisterte sich schon früh für das Thema Design: »Mein Vater, von dem ich meine Technikbegeisterung geerbt habe, hatte tatsächlich in den 1980er Jahren das legendäre Porsche Design Autoradio von Grundig in seinem Wagen, bei dem man die Bedieneinheit abnehmen und mitnehmen konnte. Ohne diese Bedieneinheit ließ sich das Autoradio nicht in Betrieb nehmen. Der perfekte Diebstahlschutz, so einfach und so kompakt.« Seit damals brennt Bründl für perfekte Gestaltung – eine Leidenschaft, die er in vollem Umfang in Entwurf und Umsetzung der P’8928 einbringen kann. Für die Farbgestaltung der Brille ist er in das Rodenstock Headquarter nach München gekommen.

»NICHTS AN DIESEM PRODUKT KÖNNTE ANDERS SEIN, ALLES FÜGT SICH. DAHIN ZU KOMMEN, IST EIN LANGER PROZESS.«

Daniel Bründl, Senior Designer bei Studio F. A. Porsche
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Der Raum ist mit Jalousien gegen Tageslicht geschützt, das wegen der Reflexionen der Umgebung immer leicht gefärbt und vor allem in unterschiedlicher Helligkeit durchs Fenster fallen würde. Hier aber müssen stets exakt gleiche Lichtbedingungen herrschen, weshalb an der Decke gleißend helle Tageslichtröhren strahlen. Über einen Tisch gebeugt stehen Bründl und Heirich, vor ihnen Hunderte von Bügeln, Fassungen und Glasproben. Die Farbschattierungen und verschiedenen Oberflächen lassen sich vom Laien oft gar nicht mehr unterscheiden, Bründl und Heirich aber sehen die Differenzen und Nuancen. Sie kombinieren, legen nebeneinander, murmeln dabei: eine Geheimwissenschaft. Am Ende dieses Prozesses stehen die Modelle der Kollektion. Die Farben der P’8928 wirken so selbstverständlich, dass andere schwer denkbar sind. Gute Gestaltung ist unsichtbar.
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KEINE GNADE FÜR DAS PRODUKT

Und noch ein Schritt geht der Produktion voraus: der Produkttest, hausintern auch gerne »Folterkammer« genannt. Hier wird das Vorprodukt enormen Belastungen unterworfen. Eine Maschine öffnet die Bügel etliche Zehntausend Mal. Der Rahmen der Brille wird in sich verbogen, die Scharniere werden überdehnt. Dann kommt die ganze Brille in einen Schwitzwasserkasten, in dem mit hoher Temperatur und künstlichem Schweiß korrosive Extrembedingungen simuliert werden. Für Porsche Design Produkte gelten die höchsten Standards in Sachen Stabilität und Haltbarkeit.

EIN KONZEPT WIRD OBJEKT

Bevor ein Vorprodukt getestet werden kann, muss ein Prototyp hergestellt werden. Der Prototyp befindet sich an der Schnittstelle zweier Welten – der Welt der Idee und der Welt der Produktion. Das Besondere: Hier kann nur von Hand gearbeitet werden. Wir betreten nun das eigentliche Heiligtum der Produktion bei Rodenstock: die Werkstatt des Musterbaus.
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Die Atmosphäre lässt sich als »irgendwo zwischen Handwerksbetrieb und Labor« beschreiben. In der Ecke steht ein Radio, es läuft Bayern 4 Klassik. Auf ergonomischen Hockern sitzen Wolfgang Knoblach und Ronald Begemann. Der Musterbau ist ihr Reich. Beide strahlen die Autorität des versierten Handwerkers aus, die jedoch kombiniert ist mit der Ruhe eines Zen-Meisters. Ihre Aufgabe ist es, aus einer technischen Zeichnung, die sie zuvor vom Rodenstock Inhouse- Designer Ben Heirich erhalten haben, ein Objekt herzustellen, das zum Teil zwar aus anderen Materialien als die fertige Brille hergestellt ist, ansonsten aber identisch mit dieser ist. Vor den Musterbauern haben auch die Designer höchsten Respekt. Daniel Bründl sagt: »Sie sind ein bisschen wie Zauberer. Wir gestalten, sie aber erschaffen.«

Dieser Prozess sieht in etwa so aus: Als Erstes wird die sogenannte Formscheibe gefräst. Das ist eine fünf Millimeter dicke Scheibe aus blauem Kunststoff, die die grundsätzliche Form der Brillengläser wiedergibt. Dieser Vorgang findet in der digital gesteuerten CNC-Fräse statt. Dann aber müssen die Handwerker ran.
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DANIEL BRÜNDL

»DIE MUSTERBAUER SIND WIE ZAUBERER. WIR GESTALTEN, SIE ABER ERSCHAFFEN.«

Knoblach und Begemann kennen sich seit Jahrzehnten. Die beiden sind ein bisschen wie ein altes Ehepaar, kommunizieren vor allem mit Kürzeln miteinander und machen sich liebevoll übereinander lustig. Beide arbeiten wie eine gut geölte Maschine zusammen.
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Ist die Formscheibe gefräst, ist das »Wickeln« an der Reihe: Aus einer Unmenge an Drähten, die allesamt auf Rollen in einem riesigen Schrank verwahrt werden, wird jener ausgesucht, der optisch exakt dem Werkstoff ähnelt, aus dem der Rahmen der künftigen Brille gefertigt wird. »Dann wickeln wir von Hand den Draht um die Formscheibe«, erklärt Knoblach – und sofort hat man ein Objekt, das schon die Form eines Glases erkennen lässt. Genauso entsteht die zweite Form. Dann wird gelötet, geschliffen und gebogen, der Steg wird eingesetzt, die Hooks, die die Gläser halten, der Bügel zum Verschließen.

Und dann muss Knoblach an den Pantografen. Das ist ein mechanisches Gerät aus den 1950er Jahren, mit dem maßstabsgetreu Formen verkleinert gefräst werden können, in diesem Fall die Wörter »Porsche Design«, die in den Brillenbügel graviert werden sollen. Dazu legt Knoblach eine Schablone mit dem Schriftzug in zehnfacher Vergrößerung in eine Halterung. Diese Schablone fährt er dann mit einer Nadel ab – und der Pantograf graviert alles in winziger Verkleinerung in den zuvor gefrästen Bügel aus Titan. Knoblach kontrolliert alles mit einer Uhrmacherlupe, seine Hand führt das Gerät so ruhig und präzise wie ein Chirurg das Skalpell. Hier geht es um Zehntelmillimeter.Alle anderen im Raum schweigen ehrfurchtsvoll. »Fräst man zu tief, ist das Material natürlich weg. Dann muss man noch mal ganz neu anfangen«, erklärt er.

»EIN LANGER WEG: AUS TAUSENDEN MÖGLICHKEITEN EINIGE WENIGE AUSZUSUCHEN.«

Daniel Bründl
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Am Ende dieses Prozesses werden die Einzelteile, bei denen es sich tatsächlich um Unikate handelt, zusammengesetzt. Und plötzlich wird aus einer Idee ein Ding, aus der Zeichnung ein Objekt.

VON DER IDEE ZUR FORM

Vor der Produktion des Prototyps liegt natürlich dessen Gestaltung – der eigentliche Designprozess. Das ist ein Vorgang, bei dem die Designabteilungen von Rodenstock und Porsche Design eng verzahnt arbeiten. Ben Heirich beschreibt den Ablauf so: »Von Porsche Design, in diesem Fall von Daniel, kommt die Idee. Also die grundsätzliche Form, der Look, die Anmutung der Brille. Wir bekommen das in erster Linie als 3-D-Rendering. So haben wir schnell einen Eindruck, wissen, wohin die Reise geht. Unser Job ist es dann, diese Idee in ein herstellbares Produkt zu überführen, etwa die Materialstärken auf den Nanometer genau zu bestimmen.«
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Und Daniel Bründl fügt an: »Als wir uns entschieden hatten, eine Neuauflage der P’8478 zu machen, war ich sofort begeistert. Gibt es eine bekanntere Sonnenbrille? Sie ist ein absoluter Klassiker.« Genau das jedoch machte die Arbeit an der Neuauflage so schwierig. »Das Original ist perfekt. Zu verbessern gibt es daran gar nichts«, sagt Bründl. »Was ich besonders schön finde, ist, dass in dem Objekt der Geist von F. A. Porsche lebt, es ist Ausdruck seiner Persönlichkeit. Er ärgerte sich darüber, dass er für seine Lieblingstätigkeiten – Autofahren, Skifahren, Jagen und Segeln – aufgrund der stark unterschiedlichen Lichtverhältnisse verschiedene Brillen brauchte. Also dachte er nach – und erfand die Wechselglasbrille. Vor so viel Genialität kann man nur den Hut ziehen«, so Bründl. Trotz der Perfektion des Ursprungsmodells gab es einen Hebel, an dem er für die Neuauflage ansetzen konnte. »Das Original ist so beliebt und bekannt, dass es eine Neuauflage neben sich vertragen kann. Dabei entschieden wir uns für eine leicht härtere Form. Die Rundungen der P’8478 geben ihr eine gewisse Weichheit, weshalb sie bei Frauen sehr beliebt ist. Sie ist eine Unisex-Brille, aber die weibliche Kundschaft überwiegt. Der Plan war also, eine männliche Version zu entwerfen, etwas kantiger, maskuliner.« So eine Idee ist leicht formuliert, die Ausarbeitung jedoch ist hohe Kunst.
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»Mit so einem Projekt bist du mehrere Monate völlig beschäftigt. Du träumst schließlich davon«, sagt Bründl. In einer ersten Projektphase arbeitet er – wie F. A. Porsche seinerzeit – am liebsten auf Papier. Die ersten Entwürfe sind grob. Winkel werden ausprobiert, langsam schält sich die Form der Gläser heraus. »Es ist ein ständiges Rekombinieren von Formen. Viele Tage verließ ich das Büro mit dem Bewusstsein: Das ist es noch nicht. Da muss ich noch mal ran.« Irgendwann aber hatte Bründl die Form, wusste: Das ist sie. War er stolz? »Stolz ist ein etwas zu großer Ausdruck. Aber ich war zufrieden. Kein anderes Mode-Objekt wird so schnell, so unmittelbar und auch so unbewusst wahrgenommen wie eine Brille. Denn wir schauen Menschen zuerst ins Gesicht. Sie ist im absoluten Fokus der Wahrnehmung. Deswegen darf es hier keine Kompromisse geben. Es ist eine Freude und auch eine Ehre, so etwas zu entwerfen.« Ein Entwurf, der zum Produkt wurde, das nun in einem Etui, umhüllt von einer Box, darauf wartet, seinen Träger durch sein Leben zu begleiten.